Du hast deinem Team mehr Verantwortung gegeben. Du hast gesagt: „Entscheidet selbst, ihr seid die Experten.“ Und dann? Passiert nichts. Entscheidungen landen trotzdem wieder auf deinem Tisch. Niemand übernimmt. Und langsam beschleicht dich der Gedanke: Diese Selbstorganisation funktioniert bei uns einfach nicht.
Die naheliegende Erklärung ist: an den Leuten liegt’s. Sie wollen nicht, sie können nicht, sie sind zu bequem. Diese Erklärung ist verständlich – und in den allermeisten Fällen falsch. In diesem Beitrag schauen wir uns an, warum Selbstorganisation scheitert, obwohl deine Leute eigentlich fähig sind. Und warum die Ursache fast nie bei den Personen liegt, sondern im System drumherum.
Du behandelst ein System-Problem wie ein Personen-Problem
Stell dir zwei Szenen vor:
Erste Szene: Eine engagierte Person kommt neu ins Team. Voller Ideen, will Dinge bewegen. Drei Monate später ist sie genauso zurückhaltend wie alle anderen.
Zweite Szene: Du holst dir einen echten Top-Performer aus einem anderen Bereich und plötzlich liefert auch der nicht mehr. War er vorher gut und ist jetzt schlecht? Wohl kaum.
Was beide Szenen zeigen: Nicht die Person hat sich geändert. Die Bedingungen haben sich geändert. Und genau hier sitzt der Denkfehler, der dazu führt, dass Selbstorganisation nicht funktioniert: Wir suchen die Ursache bei den Menschen, obwohl sie im System steckt.
Warum das System fast immer gewinnt
Was meine ich mit „System“? Nichts Abstraktes. Ich meine die ganz konkreten Bedingungen, unter denen deine Leute arbeiten:
- Wer darf was entscheiden und wer muss vorher fragen?
- Was passiert, wenn jemand eine eigene Entscheidung trifft, die schiefgeht?
- Wofür wird man gelobt, wofür kassiert man Ärger?
- Wie laufen Meetings, wer redet, wer schweigt?
- Wie schnell bekommt man Informationen, die man für eine Entscheidung braucht?
Ein Mensch verhält sich so, wie das System es nahelegt. Wenn eigene Entscheidungen in der Vergangenheit durch Kritik, durch Zurückpfeifen, durch „das hättest du erst mit mir abstimmen müssen“ bestraft wurden, dann lernt jeder vernünftige Mensch: lieber zurückhalten. Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist eine völlig rationale Reaktion auf das System.
Deshalb gilt: Ein gutes System bringt aus durchschnittlichen Leuten gute Ergebnisse. Ein schlechtes System bringt selbst aus deinen besten Leuten Zurückhaltung, Absicherung und Dienst nach Vorschrift. Das System gewinnt fast immer gegen den guten Vorsatz des Einzelnen. Auch gegen deinen.
Und genau das ist der Kern: Selbstorganisation ist keine Eigenschaft von Menschen. Sie ist ein Ergebnis von Bedingungen. Du kannst niemanden zur Selbstorganisation überreden. Du kannst nur das System so bauen, dass Selbstorganisation der naheliegende Weg wird.
Vom Motivator zum Gestalter
Solange du glaubst, das Problem läge an den Leuten, bleibst du in einer anstrengenden Rolle gefangen: Du musst motivieren, antreiben, nachhaken, kontrollieren. Du bist der Motor, und wenn du nicht trittst, steht alles still. Das ist genau das Gegenteil von Selbstorganisation und es zermürbt dich.
Hör auf zu fragen „Wie kriege ich meine Leute dazu, sich selbst zu organisieren?“
Fang an zu fragen „Welche Bedingungen müsste ich schaffen, damit Selbstorganisation überhaupt möglich ist?“
Damit wechselst du die Rolle. Weg vom Motivator, der an Menschen herumschraubt. Hin zum Gestalter, der am System arbeitet. Das ist kein Verzicht auf Führung, das ist Führung auf der Ebene, auf der sie wirklich wirkt.
Der System-statt-Person-Check
Wenn dir das nächste Mal der Gedanke kommt „die organisieren sich einfach nicht selbst“, halte kurz inne und stelle dir drei Fragen:
- Was im System belohnt das aktuelle Verhalten? Wenn alle abwarten und nichts entscheiden, was haben sie davon? Vermeiden sie Ärger? Sparen sie sich Verantwortung, die nicht honoriert wird?
- Was macht das gewünschte Verhalten schwer? Fehlen Informationen? Fehlen Befugnisse? Gibt es eine Geschichte von zurückgepfiffenen Entscheidungen?
- Würde sich etwas ändern, wenn diese Person ginge und eine neue käme? Wenn deine ehrliche Antwort „nein, die neue würde sich genauso verhalten“ ist, dann liegt es nicht an der Person. Dann liegt es am System.
Diese dritte Frage ist der schärfste Test. Sie entlarvt, ob du gerade ein Personen-Problem oder ein System-Problem vor dir hast. Und meistens ist es das System.
Deine Reflexion für diese Woche
Nimm dir eine konkrete Situation, in der du denkst, dass Selbstorganisation bei euch nicht funktioniert. Eine echte, keine allgemeine. Und dann geh die drei Fragen oben durch.
Und zum Schluss die eine Frage, die den Unterschied macht: Welche einzige Bedingung könntest du diese Woche verändern, damit eigenständiges Handeln leichter wird statt riskanter? Nicht zehn Dinge. Eine. Vielleicht ist es eine Entscheidung, die du explizit ans Team abgibst – inklusive der Erlaubnis, dabei Fehler zu machen. Vielleicht ist es eine Information, die du transparent machst. Fang dort an.
Denn am Ende gilt das, was auch über dieser ganzen Serie steht: Die Symptome zeigen sich an Personen. Die Ursache sitzt im System. Wer das verstanden hat, hört auf, an Menschen zu zerren und fängt an, Bedingungen zu bauen, unter denen gute Arbeit von selbst entsteht.